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„Sicherheit geben, um in Ruhe entbinden zu können“

13. Dezember 2019

Talea Böhmerle und ihre Mitstreiterinnen aus dem Hebammen-Oberkurs entwickelten hilfreiche Karten zur Kommunikation mit fremdsprachigen Frauen im Kreißsaal

Eine Geburt ist für jede Frau eine Ausnahmesituation – durch hormonelle Einflüsse, die besondere Emotionalität und die Unsicherheit, die gerade bei Erstgebärenden eine große Rolle spielt. Auch für Hebammen, für viele Frauen die wichtigste Bezugsperson im Kreißsaal, ist dies keine einfache Situation. Für Talea Böhmerle, die derzeit eine Ausbildung zur Hebamme an der Akademie für Gesundheitsberufe AfG Heidelberg und der Universitäts-Frauenklinik absolviert, spielt die gegenseitige Verständigung eine zentrale Rolle. Sie sagt: „Die Situation erfordert es, dass wir im Kreißsaal Sprache sehr sensibel einsetzen müssen. Manche Frauen erinnern sich noch heute an Sätze, die ihre Hebammen vor Jahrzehnten zu ihnen gesagt haben.“ Doch was ist, wenn Hebamme und werdende Mütter verschiedene Sprachen sprechen, die Frau ihre Bedürfnisse nicht äußern kann oder sie nicht versteht, was die Hebamme von ihr möchte? Ausgehend von dieser Frage entwickelte Talea Böhmerle zusammen mit zehn Mitschülerinnen aus ihrem Oberkurs im Rahmen einer einjährigen Projektarbeit Karten, die die Kommunikation mit fremdsprachigen Frauen im Kreißsaal erleichtern soll.

Grundlage für das Projekt sind die Bild-Karten „Ohne Deutsch im Kreißsaal“ des Thieme Verlags. „Die sind gut, aber aus unserer Erfahrung heraus nicht umfangreich genug“, erläutert Talea Böhmerle die Idee. Dazu kommt: Die Fragen sind in Lautschrift formuliert, was für die Hebammen schwer zu lesen und für die Frauen schwer zu verstehen ist. „Verständigungsprobleme während der Geburt sind aber genau das Gegenteil von dem, was wir erreichen möchten: Wir wollen den Frauen die Sicherheit geben, die sie brauchen, um in Ruhe entbinden zu können.“ Vor allem bei der ersten Geburt ist es wichtig, dass die Frauen wissen, was als Nächstes kommt: „Orientierungslosigkeit und Kontrollverlust sind in jeder Lebensphase schwierig, ganz besonders aber in dieser Ausnahmesituation.“

„Orientierungslosigkeit und Kontrollverlust sind in jeder Lebensphase schwierig, ganz besonders aber in dieser Ausnahmesituation.“

Das Team befragte Hebammen und fremdsprachige Frauen, um herauszufinden, welche Inhalte besonders wichtig sind. Was viele Kolleginnen angaben: Ein sorgfältig ausgefüllter Mutterpass ist die beste Voraussetzung für eine möglichst reibungslose Geburt. Die darin enthaltenen Angaben helfen, vermehrten Fragebedarf und somit Kommunikationsprobleme zu vermeiden. Doch in dieser Form gibt es einen Mutterpass nur in Deutschland und in den Kreißsälen ist allen klar: Gerade Geflüchtete haben während der Schwangerschaft oft andere Prioritäten. Aber auch die Einwilligung der Patientin zu notwendigen Eingriffen kann ein Problem sein: „Wer nicht weiß, worum es geht, verweigert verständlicherweise.“

Klar formulierte Fragen oder Aussagen in 13 Sprachen

 So entstanden 25 Karten im DIN A5-Format, die einfach aufgebaut sind: Eine Seite zeigt ein Foto oder eine Zeichnung, die deutlich macht, um welches Thema es geht. Auf der Rückseite ist eine klar formulierte Frage oder Aussage in jeweils 13 Sprachen abgedruckt, die derzeit im Kreißsaal üblich sind. Das sind z. B. türkisch, arabisch, russisch und indisch, aber auch aber italienisch, französisch, griechisch und englisch. Erklärt werden kurz und prägnant Einsatz und Wirkung notwendiger Medikamente oder Eingriffe wie das Legen venöser Zugänge. Andere Karten helfen bei der Einordnung der Schmerzqualität oder fragen nach dem persönlichen Befinden. „Wollen Sie, dass ich bei Ihnen bleibe oder möchten Sie lieber alleine sein?“ ist eine dieser Fragen. Es gibt aber auch Karten mit dem Aufdruck „Es ist alles in Ordnung“ oder „Ihrem Kind geht es gut“. Alle Karten sind laminiert, abwaschbar und entsprechen den gültigen Hygienestandards.

Freunde, Bekannte und Dolmetscher aus dem Umfeld der Projektgruppe kümmerten sich um die korrekten Übersetzungen, die Bilder stammen von Kursteilnehmerin Anna Frommknecht. Eine der größten Herausforderungen war das Zeitmanagement, denn alle Teammitglieder arbeiten im Schichtsystem. Sie zur gleichen Zeit am gleichen Ort zusammenzubringen, war oft nicht leicht. „Eine weitere Schwierigkeit stellte das Projektziel dar“, schreibt die Gruppe in ihrem Fazit. Immer wieder verschob sich der Fokus ausschließlich auf das Thema Flüchtlinge. Talea Böhmerle: „Das war zwar eine der ursprünglichen Projektideen, aber letztlich wurde uns allen klar, dass die Sprachbarriere im Kreißsaal ein generelles Problem darstellt und nicht nur geflüchtete Frauen betrifft.“

Ende August wurden die Karten in die Praxis eingeführt

Ende August wurden die Karten offiziell in der Frauenklinik vorgestellt und in die Praxis eingeführt. Talea Böhmerle und das Team wollen sie auf jeden Fall im Kreißsaal einsetzen. „Und ist dies aus Zeitgründen mal nicht möglich, haben wir noch andere Kommunikationsmittel.“ So können manche Väter übersetzen und alle Hebammen haben in den Interviews davon berichtet, dass Kommunikation zur Not auch mit Händen und Füßen möglich ist. „Und manchmal“, so Talea Böhmerle, „sagt eine Berührung mehr als viele Worte. Es ist beruhigend, dass es auch so geht.“

Heike Dürr

Die angehenden Hebammen Talea Böhmerle (Mitte), Nina Paasche (li.) und Sarah Jetter (re.) mit einer Auswahl an Karten.

>> Hintergrund

Talea Böhmerle ist derzeit im Hebammen-Oberkurs, also in der Abschlussklasse und damit im dritten Jahr ihrer Ausbildung an der Akademie für Gesundheitsberufe AfG Heidelberg. Ihr Staatsexamen ist für März 2020 geplant. Während der theoretische Unterricht in Blöcken stattfindet, lernen die angehenden Hebammen im praktischen Teil gleich mehrere Bereiche wie z. B. unterschiedliche Kreißsäle, Schwangeren- und Mutter-Kind-Stationen oder Schwangerenambulanzen kennen. Parallel zu ihrer Ausbildung studiert Talea Böhmerle ausbildungsintegriert „Interprofessionelle Gesundheitsversorgung“ an der Medizinischen Fakultät Heidelberg, einige ihrer Kolleginnen studieren dual „Hebammenwesen“ an der Hochschule Ludwigshafen. Beide Studiengänge ermöglichen den angehenden Hebammen den Abschluss „Bachelor of Science“. Ab dem 1. Januar 2020 ist die Ausbildung zur Hebamme dann nur noch im Rahmen eines dualen Studiums möglich. Grundlage ist eine EU-Richtlinie, die für alle Mitgliedstaaten die Überführung der Hebammenausbildung an eine Hochschule vorsieht. Deutschland ist noch einer der letzten Staaten in der EU, in dem die Hebammenausbildung nicht an einer Hochschule stattfindet.

 

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