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Magenverkleinerung schützt Diabetiker vor Folgeschäden

16. Mai 2018

Adipositaschirurgie – ein Ausweg aus einem Dilemma und keine „Lifestyle-Chirurgie“

Gefürchtete Spätfolgen von Diabetes sind Erkrankungen an den Nieren, Augen und Nerven, die schließlich zu Dialyse, Amputationen und Blindheit führen können. Die Ursache dieser Schäden ist nicht restlos geklärt und deshalb auch schwierig medikamentös zu behandeln. Tatsache ist: Die meisten Diabetesmedikamente können die Entstehung dieser Komplikationen kaum verhindern. Umso beachtlicher ist das Ergebnis einer Literaturstudie, die Wissenschaftler der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie durchgeführt haben. Professor Dr. Beat Müller zeigte mit seinem Team, dass eine gewichtsreduzierende Magenoperation von übergewichtigen (adipösen) Patienten mit Typ-2-Diabetes Langzeitschäden an kleinsten Gefäßen deutlich besser verhindert als die bisherige medikamentöse Therapie. Die Ergebnisse beruhen auf der Meta-Analyse von Daten aus zehn internationalen Veröffentlichungen.

Gewichtsreduzierende Magenoperationen fallen in den Bereich der sogenannten Adipositaschirurgie, einem Spezialgebiet der Viszeralchirurgie. Ein häufig angewendetes Verfahren ist die Schlauchmagen-Operation, bei der der Chirurg einen Teil des Organs entfernt. Somit entsteht ein kleinerer Magen, der die Form eines Schlauches hat. Eine andere Möglichkeit stellt der Magenbypass dar, dabei wird der Magen durch einen Teil des Dünndarms überbrückt. Beide Operationen können auch minimal-invasiv durchgeführt werden.

Auch wenn die genauen Zusammenhänge, die erklären können, warum diese Operationen so wirksam sind, derzeit noch unklar sind, sind die Ergebnisse beachtlich:

  • Das Risiko für die Entwicklung mikrovaskulärer Komplikationen war bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, die sich einer Operation unterzogen, im Vergleich zu auf herkömmliche Weise behandelten Patienten um den Faktor 4 verringert.
  • In Bezug auf die Entstehung von Nierenschäden zeigte sich, dass die Chirurgie fünfzehnmal effektiver ist als die bisher übliche konservative internistische Therapie.
  • Eine gewichtsreduzierende Operation kann bei Typ-2-Diabetikern sogar dazu führen, dass sich die Nieren wieder komplett erholen.
  • Eine Verbesserung der Blutzuckerwerte zeigte sich bereits kurz nach der Operation, noch bevor die Patienten ein Kilogramm an Gewicht verloren haben.

Anscheinend sind andere Mechanismen für die Entstehung der Gefäßschäden bei Diabetes-Typ-2 relevant, die von einer Operation positiv beeinflusst werden. „Die Aufklärung der exakten Auswirkungen auf den gesamten Stoffwechsel wird Fragestellung weiterer Forschungsarbeiten der Zukunft sein“, fasst Prof. Dr. Beat Müller zusammen.

„Eine Verbesserung der Blutzuckerwerte zeigt sich bereits kurz nach der Operation, also noch bevor die Patienten ein Kilogramm an Gewicht verloren haben.“

Prof. Dr. Beat Müller, Sektionsleiter „Minimal-Invasive und Adipositaschirurgie“

Prof. Dr. Beat Müller plädiert nachdrücklich für ein Umdenken im Umgang mit der häufig mit Typ-2-Diabetes in Verbindung stehenden Erkrankung Adipositas. „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass stark übergewichtige Menschen ihren Zustand selbst verschuldet haben und deshalb auch nur durch eine radikale, entbehrungsreiche Lebensstiländerung gesund werden können.“ Ein erster Schritt wurde durch die Anerkennung von Adipositas als Krankheit getan. „Die Ursache für Adipositas ist wahrscheinlich eher ein überoptimierter Energiehaushalt als Maßlosigkeit.“ Eine Operation ist seiner Ansicht nach daher keine „Lifestyle-Chirurgie“, die dicke Menschen auf einfache Weise dünner machen soll, sondern gerade für adipöse Typ-2-Diabetiker lebensrettender Ausweg aus einem Dilemma.

Völlig ohne Risiko ist eine Operation jedoch ebenfalls nicht – auch wenn die Heidelberger Mediziner mit Methoden der minimal-invasiven Chirurgie arbeiten. Und auch das zukünftige Leben bleibt geprägt von der Erkrankung, denn es muss auf eine besondere Ernährung geachtet werden, um Mangelerscheinungen zu vermeiden.

Hintergrund: Was ist Diabetes Typ-2?

Hierbei handelt es sich um eine Störung, bei der Insulin zwar vorhanden ist und oft sogar im Übermaß vom Körper produziert wird, an den Zellen von Leber, Muskeln und Fettgewebe aber nicht richtig wirken kann, weil die intrazellulären Signalwege nicht richtig funktionieren. In den ersten Krankheitsjahren kann die Bauchspeicheldrüse dies durch die Produktion hoher Insulinmengen kompensieren, was jedoch zu weiterem Übergewicht und möglicherweise auch zu diabetischen Folgeschäden führen kann. Ein erhöhter Spiegel des Blutzuckers und von Produkten des Zuckerabbaus, welche über alternative Stoffwechselwege entstehen, führen über bisher unbekannte Mechanismen zu den diabetischen Folgeschäden an den Nieren, Augen und Nerven, aber auch den großen Gefäßen.

 

Kurzmeldungen aus der Forschung

Kostet jedes Kind die Mutter tatsächlich einen Zahn?

Ob ein Ereignis x – beispielsweise die Geburt eines Kindes – mit einem gesundheitlichen Problem y – wie späterem Zahnverlust – ursächlich zusammenhängt, ließ sich bisher kaum überprüfen: Denn wie bei vielen komplexen Fragestellungen der Gesundheitsforschung ist die Durchführung klinischer Studien mit zufälliger Einteilung in Vergleichsgruppen aus praktischen wie ethischen Gründen nicht möglich. Um dieses Problem ein Stück weit zu lösen, haben Wissenschaftler u. a. aus Heidelberg nun in einem neuen Ansatz statistische Methoden aus der Ökonometrie auf die medizinische Forschung übertragen. Beispielhaft wollten sie wissen, was dran ist an der Redensart „Jedes Kind kostet die Mutter einen Zahn“. Nach Auswertung von mehr als 34.000 Personendaten  aus  15 Ländern kamen die Forscher zu dem Ergebnis: Offensichtlich kann die Geburt eines Kindes tatsächlich zu überdurchschnittlich häufigem Zahnverlust führen.

1,5 Millionen Euro für die Heidelberger Malariaforschung

Die Malariaforscherin Dr. Silvia Portugal vom Zentrum für Infektiologie untersucht, wie der Malaria-Erreger die Trockenzeit überwindet. Das Projekt der jungen Wissenschaftlerin wird vom Europäischen Forschungsrat mit einem „Starting Grant“ über 1,5 Millionen Euro unterstützt. Für die Medizinische Fakultät Heidelberg ist die Forschungsförderung ein toller Erfolg: Dabei handelt es sich um ein hochdotiertes Finanzierungsprogramm der Europäischen Union, mit deren Hilfe Spitzenwissenschaftler Grundlagenforschung und visionäre Projekte vorantreiben sollen. Prof. Dr. Michael Lanzer, Leiter der Abteilung Parasitologie: „Wir sind besonders stolz darauf, dass sich Dr. Silvia Portugal entschieden hat, ihre geförderte Forschung am Universitätsklinikum Heidelberg fortzuführen und nicht an einer anderen Spitzenuniversität.“

Epigenetische Analyse: Dem Tumor den richtigen Namen geben

Wissenschaftler des „Hopp-Kindertumorzentrums am NCT Heidelberg (KiTZ)“ und der Abteilung Neuropathologie haben die Klassifikation von Tumoren des Zentralen Nervensystems (ZNS) entscheidend verbessert. Die Forscher analysierten bestimmte chemische Markierungen im Erbgut von Tumoren, sogenannte DNA-Methylierungen. Verschiedene Zelltypen weisen charakteristische Muster an DNA-Methylierungen auf, die wiederum Rückschlüsse auf die zelluläre Herkunft des Tumors zulassen. Mit Hilfe computerbasierter Algorithmen konnten die Wissenschaftler 82 verschiedene Arten von ZNS-Tumoren anhand ihrer Methylierungsmuster unterscheiden. Das neue Klassifizierungssystem ermöglicht Ärzten zukünftig eine Zuordnung von ZNS-Tumoren zu bestimmten Risikogruppen, um auf dieser Basis eine Therapieentscheidung treffen zu können.

Forschungsprojekte rein in studentischer Hand

Ein Team aus wissenschaftlich besonders motivierten Medizinstudierenden der Universität Heidelberg hat sich in der Studiengruppe „SIGMA“ zusammengeschlossen. Dabei handelt es sich deutschlandweit um das erste studentisch initiierte und geführte Studiennetzwerk der Medizin. Es ist an das Studiennetzwerk der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie angegliedert. Von diesem seit 2006 bestehenden Netzwerk klinisch forschender Chirurgen werden die Studierenden bei der Planung und Durchführung klinischer Studien unterstützt und profitieren so von bestehenden Strukturen. Das erste Projekt der Studierenden ist die „PATRONUS“ Studie, die seit Februar 2018 läuft. Die reine Beobachtungsstudie gilt Patienten, die sich aufgrund einer Krebs-Diagnose einem chirurgischen Eingriff des Bauchraums unterziehen mussten. Die Studie soll Aufschluss über mögliche postoperative Komplikationsraten sowie deren Auswirkungen auf Tumorsymptome und Lebensqualität geben. Aktuell nehmen elf Zentren in ganz Deutschland an der Studie teil.

Helfen Malaria-Medikamente gegen Alzheimer?

Alzheimer ist bislang unheilbar, neue Wirkstoffe werden frühestens in einigen Jahren verfügbar sein. Prof. Dr. Jochen Kuhse, Institut für Anatomie und Zellbiologie, testet daher bereits vorhandene Medikamente, die gegen andere Krankheiten zugelassen sind. Ziel ist es, herauszufinden, ob diese auch bei Alzheimer einen positiven Effekt haben könnten. Im Fokus stehen Medikamente – zum Beispiel gegen Malaria – die die Gephyrin-Bildung erhöhen. Dieses Protein kann von Alzheimer-Patienten möglicherweise nicht mehr in ausreichender Menge gebildet werden. Die Forschung findet zunächst am Mausmodell statt. Gefördert wird das Projekt von der „Alzheimer Forschung Initiative e.V.“ mit 85.000 Euro.

Wie der körpereigene Thermostat funktioniert

Woher weiß das Gehirn, dass es uns zu warm oder zu kalt ist? Für seine Forschung zur Wärmeregulation bei Säugetieren erhielt der Pharmakologe Prof. Dr. Jan Erik Siemens einen sogenannten „Consolidator Grant“ des Europäischen Forschungsrats (European Research Council / ERC). Damit fördert der ERC die weitere Arbeit in den kommenden fünf Jahren mit insgesamt rund zwei Millionen Euro. Ziel ist es, die Bedeutung des Wärmesensors für die Thermoregulation weiter zu erforschen sowie weitere Wärme- oder Kältesensoren an den Temperaturfühlern des Gehirns auszumachen. Außerdem wollen die Forscher herausfinden, ob Störungen im Wärmehaushalt mit krankhaftem Übergewicht zusammenhängen. Für Prof. Siemens ist es bereits die zweite ERC-Förderung: 2012 hatte er einen „Starting Grant“ in Höhe von 1,4 Millionen Euro mit Laufzeit bis Januar 2018 eingeworben.

 

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