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„Wissen alleine reicht nicht mehr“

6. September 2017

25 Jahre Fachweiterbildung zur Pflege des krebs- und chronisch kranken Menschen am Universitätsklinikum Heidelberg

Die bundesweit erste anerkannte Weiterbildung für die Pflege von Krebspatienten wurde 1992 am Universitätsklinikum Heidelberg ins Leben gerufen. Heidelberg kann somit als Wegbereiter der onkologischen Pflege in Deutschland bezeichnet werden. Seitdem haben 316 Absolventen die zweijährige Qualifikation zur Gesundheits- und (Kinder-) Krankenpflegerin bzw. zum Gesundheits- und (Kinder-)Krankenpfleger für Onkologie erfolgreich abgeschlossen – eine stattliche Zahl, die deutschlandweit nicht übertroffen wird.

Doch was zeichnet die Pflege von Krebspatienten eigentlich aus? Was hat sich in den letzten 25 Jahren geändert? Und was bringt die Zukunft? Darüber haben wir uns mit Burkhard Lebert (li.), seit 1994 Leiter der Fachweiterbildung, und Katharina Günther unterhalten. Sie absolvierte die Fachweiterbildung von 2011 bis 2013 und arbeitet heute als Pelvic Care Nurse in der Frauenklinik.

Wie kam es 1992 in Heidelberg zur ersten Qualifikation für die Pflege von Krebspatienten?

Lebert: Die Anfänge gehen bereits auf das Jahr 1983 zurück, als sich Pflegende in der Chirurgischen Klinik darüber Gedanken machten, wie man die Qualifizierung für die Pflege von Krebspatienten professionalisieren kann. Eine der Pflegerinnen von damals ist übrigens Alrun Sensmeyer, die heute noch in der Chirurgie arbeitet. Sie leitete auch den Kurs in den ersten beiden Jahren.

Worin liegen die größten Unterschiede zwischen damals und heute, was die Ausbildungsinhalte anbelangt?

Lebert: Die psychosoziale Betreuung von Krebspatienten spielte auch damals schon eine Rolle, aber insgesamt ging es mehr um fachlich-medizinische Inhalte sowie Schmerz- und Ernährungsmanagement oder die Versorgung von Palliativpatienten. Diese Vermittlung von Wissen stellt natürlich immer noch einen großen Teil unserer Ausbildungsinhalte, alleine schon durch den rasanten medizinischen Fortschritt mit immer neuen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten. Gerade die Zunahme an komplexen, ineinandergreifenden Therapien führt zu einem wachsenden Spektrum an Nebenwirkungen. In den letzten Jahren steht jedoch neben der fachlichen Seite zunehmend die Kompetenzerweiterung im Vordergrund. Es reicht nicht mehr, wenn der Einzelne mehr weiß, er muss auch Wege entwickeln und sich dafür einsetzen, dass möglichst viele Patienten, Angehörige und Mitarbeiter von seinem Wissen profitieren.

Günther: Das kann ich nur unterstreichen. Als Pelvic Care Nurse in der Frauenklinik begleite ich Patientinnen mit gynäkologischen Krebserkrankungen und deren Angehörige während ihrer Behandlung in der Klinik. Pflegerische Handlungen spielen dabei eine untergeordnete Rolle, es geht vielmehr um psychosoziale Unterstützung und Beratung in konkreten Fragen wie z.B. Stomapflege, Sexualität oder Inkontinenz. Ein wichtiger Punkt ist auch die Frage, wie es zu Hause weitergeht, deshalb nehme ich mit jeder meiner Patientinnen in den ersten 48 Stunden nach der Entlassung Kontakt auf und frage, ob zu Hause alles funktioniert. Ich bin also vielmehr Case- und Entlassungsmanagerin als Krankenschwester.

Frau Günther, was zeichnet Ihre Arbeit in der Praxis noch aus?

Günther: Als Teilnehmerin im interdisziplinären Tumorboard (Anm. d. Red.: Experten verschiedener Disziplinen besprechen gemeinsam die weitere Therapie des Patienten) bin ich das Bindeglied zwischen Arzt und Patientin. Für die Patientinnen bin ich feste Ansprechpartnerin in der Klinik. Und meinen Kolleginnen stehe ich natürlich auch mit Rat und Tat zur Seite.

Wie ist die aktuelle Entwicklung in der onkologischen Pflege?

Lebert: Derzeit beobachten wir mehrere Schwerpunkte. Die Bildung zertifizierter Krebszentren erfordert nicht nur den quantitativen Nachweis speziell weitergebildeter Pflegekräfte, sondern rückt auch die Qualität der Versorgung in den Mittelpunkt. Der Personalmangel wird in vielen Kliniken mit Leiharbeitskräften oder nur wenig qualifizierten Mitarbeitern kompensiert. Umso wichtiger werden hier die Pflegexperten zur Sicherung der Pflegequalität. Die Verkürzung der stationären Liegezeiten krebskranker Menschen und die Zunahme ambulanter Betreuungsmöglichkeiten erfordert Konzepte, um die Zuhause auftretenden Nebenwirkungen der Therapien zu behandeln. Und nicht zuletzt werden Patienten und ihre Angehörigen in die Entscheidungen hinsichtlich der Therapiewahl einbezogen, was wiederum ausgeprägte kommunikative Kompetenzen erfordert.

Günther: Früher wurde jede Krebsdiagnose oftmals als Todesurteil verstanden. Der medizinische Fortschritt hat aber dazu geführt, dass Krebs eine chronische Krankheit geworden ist. Den Patienten während seiner Krankheit zu begleiten und eine Lotsenfunktion im Gesundheitssystem zu übernehmen, ist zu unserer Hauptaufgabe geworden.

Und was bringt die Zukunft?

Lebert: Die oben genannten Punkte werden an Bedeutung gewinnen. Hinzu kommen Internet, Online-Medien, Social-Media und Co.. Die Patienten wissen immer mehr über ihre Krankheit, ob sie aber alle Informationen richtig einordnen können und ob sie zur persönlichen Krankengeschichte – Stichwort individualisierte Therapie – passen, steht auf einem anderen Blatt. In dieses Vakuum zwischen Wissen und korrekter Deutung wird die onkologische Pflege hineingezogen. Pflegende werden auch eigenverantwortlich dazu berechtigt, Medikamente zu verordnen, gerade wenn es um Begleiterscheinungen der Erkrankung und Nebenwirkungen der Therapien geht. Hier werden sich noch ganz neue Berufsfelder eröffnen.

Frau Günther, was empfehlen Sie allen Kolleginnen und Kollegen, die in der Pflege von Krebspatienten arbeiten?

Günther: Pflegende in der Onkologie müssen darauf achten, dass sie gesundheitlich – vor allem psychisch – nicht auf der Strecke bleiben. Selbstpflege heißt hier das Zauberwort. Dazu gehört der Austausch im Team oder auch psychoonkologische Unterstützung. Wichtig sind ebenfalls Familie, Freunde und Hobbies.

>> Im Steckbrief:

Burkhard Lebert, Dipl. Pflege- und Gesundheitswissenschaftler

Alter: 60 Jahre

Beruflicher Werdegang am Klinikum:

1990 bis 1994 Unterrichtsassistent und Lehrkraft an der Krankenpflegeschule des Universitätsklinikums

1994 bis heute Leitung der Weiterbildung „Pflege krebskranker, chronisch-kranker Menschen“

 

Katharina Günther, Gesundheits- und Fachkinderkrankenschwester für Onkologie

Alter: 31 Jahre

Beruflicher Werdegang:

2005 bis 2008 Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin in Halle (Saale)

2008 bis 2013 Kinderklinik Heidelberg, Station K1 (Allgemeine Pädiatrie, Pneumologie, Gastroenterologie, Neuropädiatrie)

2011 bis 2013 Fachweiterbildung Onkologie, Palliativ Care – Gesundheits- und Fachkinderkrankenschwester für Onkologie

2013 bis 2016 Kinderklinik Heidelberg, Station K3 (Pädiatrische Onkologie und Hämatologie)

Seit Januar 2017 Frauenklinik, „Pelvic Care Nurse“ in der Allgemeinen Ambulanz

 

>> Hintergrund: Fachweiterbildung „Pflege des krebskranken, chronisch-kranken Menschen“ an der Akademie für Gesundheitsberufe AfG Heidelberg

Lehrpersonal:

Burkhard Lebert (Leiter)

Cordula Beisel

Kontakt:

Akademie für Gesundheitsberufe Heidelberg

Wieblinger Weg 19

69123 Heidelberg

Telefon: 06221 56 6129

E-Mail:

burkhard.lebert@med.uni-heidelberg.de

cordula.beisel@med.uni-heidelberg.de

Dauer: zweijährig

Art der Weiterbildung: Berufsbegleitender Lehrgang mit theoretischem und praktischem Unterricht.

Abschluss: Gesundheits- und (Kinder)krankenpflegerin für Onkologie; Zusatzqualifikation „Breast Care Nurse“ und „Palliative Care“ möglich.

Verdienstmöglichkeit: Im Februar 2009 beschlossen die Tarifpartner der Uniklinika Baden-Württemberg eine Tariferhöhung für Pflegende mit dieser Weiterbildung von E 7a auf E 9 a im TV-UK. Dies sind Erhöhungen von 252 bis 289 Euro brutto, je nach Stufe. Zusätzlich werden 100 Euro Belastungszulage für die besondere Belastungssituation verabschiedet.

Kursbeginn: jeweils jährlich zum 1. Juni.

 

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