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Musikalische Weltpremiere in der Alten Aula

18. Mai 2017
Der Große Auftritt Alberto am Flügel

Dank Dr. Rüdiger Rupp ging für den querschnittgelähmten Alberto ein Traum in Erfüllung

Als das Publikum in der Alten Aula der Universität Heidelberg nach dem Auftritt begeistert applaudierte, waren Pianist und Ingenieur Freude und Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben. Für den einen – den 15-jährigen, querschnittgelähmten Alberto Mancarella aus Los Angeles – ging ein Traum in Erfüllung: Der junge Pianist spielte auf dem Flügel Auszüge aus dem Italienischen Konzert von Bach – erstmals vor Publikum unter Verwendung einer Funkbeißschiene, die ihm die Bedienung des rechten Fußpedals des Pianos mit Hilfe der Zunge erlaubte. Entwickelt wurde die Beißschiene von Dr.-Ing. Rüdiger Rupp, Leiter der Sektion Experimentelle Neurorehabilitation des Querschnittzentrums am Klinikum, seinem Mitarbeiter Sebastian Kuppinger und dem Zahntechniker Tobias Gallinat. „Heute wäre Bachs Geburtstag“, erklärte Rüdiger Rupp anschließend. „Über dieses Konzert hätte er sich sehr gefreut.“ Und Alberto fasste zusammen: „Ich bin sehr sehr glücklich.“ Dem außergewöhnlichen Auftritt am 31. März im Rahmen der Preisverleihung der Deutschen Stiftung Querschnittlähmung (DSQ) an PD Dr. Michael Akbar (siehe Artikel unten) war allerdings eine langjährige Entwicklung vorausgegangen.

Rückblick: Bereits 2008 entwickelte Dr. Rupp den Prototyp einer Beißschiene und wurde dafür mit dem Innovationspreis der DSQ ausgezeichnet. Zwei Jahre zuvor, 9.300 Kilometer weiter westlich in Los Angeles, war Alberto, damals vier Jahre alt, an einem Tumor erkrankt, der sein Rückenmark schädigte. Im Krankenhaus fasste der Junge einen Plan: Er wollte unbedingt Pianist werden, und das trotz seiner verbleibenden Querschnittlähmung. Eine Stiftung finanzierte dem Jungen ein Klavier, und Alberto übte fortan mit so viel Hingabe, dass er sogar ein Stipendium für seine musikalische Ausbildung erhielt. Doch dann der Rückschlag: Aufgrund seiner Querschnittlähmung konnte er Klavierstücke, die den Einsatz von Pedalen vorsehen, nicht spielen, das Stipendium war in Gefahr.

 „Da ist so eine Freude in seinen Augen. Ohne diesen beeindruckenden Jungen hätte ich dieses Projekt nicht weiter verfolgt.“

Dr.-Ing. Rüdiger Rupp, Erfinder der Funkbeißschiene

Im Internet stieß Albertos Mutter auf Dr. Rupps prämierte Entwicklung und wandte sich schließlich 2011 an den Heidelberger Ingenieur. Doch die Beißschiene war weder ausgereift noch käuflich erwerbbar. „Die Arbeit lag damals auf Eis. Doch Albertos Geschichte, seine Zielstrebigkeit, hat mich so fasziniert, dass ich ihm unbedingt helfen wollte“, erinnert sich Rupp. Mit dem DSQ-Preisgeld von 2008 sowie einer privaten Spende finanzierte er die Stelle von Sebastian Kuppinger, der eine neue Version der Beißschiene ausarbeitete: Hinter den Schneidezähnen ist ein druckempfindlicher Sensor befestigt, der Zungenkraft in Steuersignale an den Motor umsetzt. Auf diese Weise kann Alberto den Druck abgestuft dosieren und er hat – anders als bei der ersten Version – mehr Gefühl für die Kraft, die er erzeugt. Zudem ist der kleine, rund 15 Kilogramm schwere Motor deutlich leistungsstärker als der Vorgänger und kann das Pedal nun ebenso schnell bewegen, wie es ein nicht gehandicapter Pianist mit dem Fuß bedienen würde. Weitere Verbesserungen betreffen die Elektronik. Das gesamte System ist nun kleiner, so dass es auch in den Mund eines Teenagers passt, die Knopfzelle liefert Energie für acht Stunden und lässt sich anschließend an einer Dockingstation wieder aufladen.

Wie es sich mit diesem technischen Wunderwerk nun letztlich Klavier spielt, konnte Alberto allerdings erst bei seinem Besuch in Heidelberg ausprobieren. Seit Rüdiger Rupp ihm bei seinem ersten Besuch bei Familie Mancarella im September 2016 die Beißschiene zum Anpassen brachte – Zahnabdrücke hatte die Familie zuvor bereits nach Deutschland geschickt – übte Alberto am Rechner die Bedienung des Zungensensors mit speziellen Trainingsprogrammen und Geschicklichkeitsspielen. Nachdem er am 26. März in Heidelberg eintraf, hatte er bis zu seinem großen Auftritt in der Alten Aula fünf Tage Zeit, ausgewählte Stücke einzustudieren.

Einen kleinen Wehmutstropfen gab es dennoch: Albertos Eltern leben als italienische Immigranten mit Green Card in den USA und wollten aufgrund der unsicheren politischen Lage die Staaten lieber nicht verlassen. Daher reisten Albertos Großeltern aus Rom an, nahmen ihren Enkel in Frankfurt in Empfang und saßen bei seinem Auftritt in der ersten Reihe. Die Enttäuschung über das Fehlen seiner Eltern war für Alberto aber nur von kurzer Dauer: Er erhielt die maßangepasste Schiene und den Motor als Geschenk – was es ihm ermöglicht, seine über ein Stipendium finanzierte Ausbildung an einer renommierten Musikschule in L.A. fortzusetzen.

Rüdiger Rupp hat indes bereits Pläne für die Weiterentwicklung der Beißschiene. Es gibt sogar schon entsprechende Anfragen weiterer querschnittgelähmter Musiker. Denkbar wäre auch ein Einsatz für die Bedienung eines Rechners oder elektrischen Rollstuhls. Der Ingenieur hofft, mit einem breiteren Anwendungsgebiet das Interesse der Industrie sowie weiterer Förderer zu wecken, damit die Forschung und Entwicklung weitergehen kann. Rüdiger Rupp wird dran bleiben – dank Alberto: „Da ist so eine Freude in seinen Augen. Ohne diesen beeindruckenden Jungen hätte ich dieses Projekt nicht weiter verfolgt.“

 

Forschungs-Förderpreis für PD Dr. Akbar

Prof Dr Michael AkbarRund zwei Drittel der Querschnittgelähmten in Deutschland ziehen sich im Laufe ihres Lebens Sehnenrisse in der Schultermuskulatur zu. Das ist viermal häufiger als bei Menschen, die nicht auf den Rollstuhl angewiesen sind. Privatdozent Dr. Michael Akbar, Leiter des Wirbelsäulenzentrums an der Orthopädischen Klinik, ermittelte in verschiedenen Studien erstmals die Häufigkeit dieser durch Überlastung des Schultergelenks verursachten Verletzung sowie von Risikofaktoren. Für seine wegweisenden Arbeiten wurde er mit dem Forschungs-Förderpreis der Deutschen Stiftung Querschnittlähmung (DSQ) ausgezeichnet. Die Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Preises fand am 31. März in der Alten Aula der Universität Heidelberg statt.

„Die Verletzungen der Schultermuskulatur sind ein unterschätztes Problem, das die Selbstständigkeit, Mobilität und Lebensqualität massiv beeinträchtigen kann und dem bisher noch viel zu wenig entgegen gesetzt wird“, so der Preisträger. Als Konsequenz seiner Ergebnisse regte er bereits die Entwicklung spezieller Trainingsprogramme für Rollstuhlfahrer an, um die Schultermuskulatur zu stärken und das Schultergelenk vor Überlastung zu schützen. Die Trainingsprogramme werden aktuell von der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie e.V. (DMGP) ausgearbeitet.

Die Häufigkeit der Schulterverletzungen ermittelte Akbar u.a. in einer Vergleichsstudie mit 100 querschnittgelähmten Patienten (Durchschnittsalter 52 Jahre, durchschnittliche Lähmungsdauer 34 Jahre) und 100 nicht gelähmten Probanden im selben Alterspektrum. Die Schultergelenke wurden jeweils klinisch und mittels Kernspintomographie untersucht: Bei 63 Prozent der Querschnittgelähmten fand sich auf mindestens einer Seite ein Sehnenriss der Muskulatur,  in der Kontrollgruppe bei 15 Prozent. Gleichzeitig waren die querschnittgelähmten Patienten mit Sehnenriss deutlich jünger als Betroffene aus der Kontrollgruppe. In Deutschland erleiden jährlich ca. 2.000 Menschen eine Verletzung des Rückenmarks, die eine Querschnittlähmung zur Folge hat. Bei knapp 60 Prozent betrifft die Lähmung die untere Extremität.

 

Dr. Rüdiger Rupp und Privatdozent Dr. Michael Akbar sind nur zwei von zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitenern des Klinikums, die mit ausgezeichneten Leistungen auf sich aufmerksam machen, Forschungspreise gewinnen oder Stipendien erhalten. Ihnen allen ist unsere Rubrik „Ausgezeichnet“ gewidmet, in der wir die Preisträger vorstellen. 

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