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Luft zum Atmen

18. Mai 2017
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Alexandra Meck ist Atmungstherapeutin auf der gastroenterologischen Intensivstation

„Herr Müller, können Sie mich verstehen?“ Während Alexandra Meck, Fachkrankenschwester für internistische Intensivpflege, die Frage stellt, drückt sie den linken Arm des Patienten und wartet auf eine Reaktion. Ganz schwach, nur für einen kurzen Augenblick, hebt der Mann das Augenlid, dann fällt er wieder in seinen schlafähnlichen Zustand. Seit 38 Tagen liegt Herr Müller auf der gastroenterologischen Intensivstation in der Medizinischen Klinik. Er wird beatmet, d.h. in der Luftröhre des Mannes, zwischen dem zweiten und vierten Halswirbel, steckt die mit einem Klettband um den Hals befestigte Beatmungskanüle. Von dort aus führt ein Schlauch zu einem Gerät, das in regelmäßigen Abständen die Lunge des 59-Jährigen mit lebensnotwendigem Sauerstoff versorgt.

So wie Herrn Müller, der aufgrund einer akuten Entzündung der Bauchspeicheldrüse um sein Leben kämpft, geht es den meisten der 14 Patienten auf der Station. Sie leiden an inneren Blutungen, akuten und chronischen Lebererkrankungen, Nierenversagen, schwerer Blutvergiftung oder an Infektions- oder Tropenkrankheiten. Alle sind lebensbedrohlich erkrankt und müssen künstlich beatmet werden. Speziell für eine intensivere Betreuung dieser Patienten ist Alexandra Meck ausgebildet. Sie ist eine von nur fünf Krankenschwestern/ -pflegern am Klinikum, die die Fachweiterbildung zum Atmungstherapeuten absolviert haben. An der Schnittstelle von ärztlicher Versorgung, Pflege und Physiotherapie unterstützt sie das interdisziplinäre Team der Intensivstation in Fragen wie „ist der Patient auf Ansprache erweckbar oder tief schläfrig?“, „wie ist der Sauerstoffgehalt im Blut?“ oder „wie viel Millibar beträgt der in der Lunge verbleibende Druck am Ende der Ausatmung, der sog. PEEP?“

Seitdem die 50-Jährige 2014 ihre Weiterbildung zur Atmungstherapeutin an der Thoraxklinik abgeschlossen hat, kann sie sich intensiv um die beatmeten Patienten kümmern. Denn Einstellung und Art der Beatmung sind komplexe Aufgaben, bei der zahlreiche Parameter beachtet werden müssen: Eine akute Pankreatitis beispielsweise verursacht einen geblähten Bauch, der von unten gegen die Lunge drückt. Diese Patienten müssen deshalb mit einem höheren Druck beatmet werden. Oft sind die Patienten auch verwirrt, unruhig, mitunter aggressiv, haben Angst, starke Schmerzen und stehen extrem unter Stress. Dann ist eine entsprechende Gabe von Beruhigungsmedikamenten und Schmerzmitteln notwendig. Dies wiederum erschwert aber die Entwöhnung des Patienten von der Beatmungsmaschine. Je länger ein Patient beatmet wird, desto schwieriger gestaltet sich diese Entwöhnung. Auch dieser Prozess – das Weaning – gehören zu den Aufgaben eines Atmungstherapeuten.

 

„Wichtig bei der Beatmung schwerkranker Patienten ist der ganzheitliche Blick auf den Patienten.“

 

„Wichtig bei der Beatmung ist der ganzheitliche Blick auf den Patienten, auf die Grunderkrankung, die Symptome, die Medikamente und den Bewusstseinszustand“, erklärt Alexandra Meck. Ihre neue Tätigkeit ermöglicht eine konstante Betreuung und schafft Freiräume, sich auch zeitaufwändiger mit einem Patienten befassen zu können. Professorin Dr. Uta Merle, Oberärztin der Intensivstation und leitende Oberärztin der Medizinischen Klinik IV, sieht entscheidende Vorteile für die Arbeitsabläufe: „Als Atmungstherapeutin kann Alexandra Meck viele Tätigkeiten in der Beatmungstherapie selbstständig ausführen, entsprechend schnell reagieren, Maßnahmen einleiten oder anpassen. Das ist ein großer Gewinn in der Behandlung der Patienten und eine große Unterstützung für Ärzte und Pflegende.“

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Für Jochen Treu, pflegerische Leitung der Gastro-Intensiv, trägt Alexandra Meck wesentlich zur Qualitätssicherung bei. „Ob regelmäßige Kurzfortbildungen, tägliche Lernsituationen am Patientenbett oder Supervision neuer bzw. unerfahrener Mitarbeiter – Alexandra Meck sorgt dafür, dass alle in der Krankenversorgung tätigen Personen immer auf dem neuesten Stand sind.“

Und warum wird man eigentlich Atmungstherapeutin? Alexandra Meck: „Seit 1990 und dem Beginn meiner Laufbahn als Krankenschwester auf Station Griesinger habe ich mich schon immer besonders für die Beatmung der Patienten interessiert und war auch jahrelang Leiterin einer Arbeitsgruppe.“ Als dann Professorin Uta Merle 2011 beim Zentrumsvorstand den Antrag stellte, auf der Station eine Atmungstherapeutin einzuführen, um die hochwertige intensivmedizinische Versorgung weiter zu professionalisieren, fiel die Wahl direkt auf Alexandra Meck. Und die ist froh, den Schritt gewagt zu haben. „Die Weiterbildung gibt mir jetzt die Möglichkeit, bestehende Atmungskonzepte umzusetzen, neue zu entwickeln und so meinen Teil zur Versorgung der Patienten beitragen zu können.“

 

>>Hintergrund Atmungstherapie

Die Weiterbildung für das noch junge Berufsbild des Atmungstherapeuten wird in Deutschland von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP) an bislang sieben Lungenzentren, u.a. der Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg, angeboten. Die Kursleitung hat Dr. Florian Bornitz, Oberarzt der Abteilung Pneumologie, inne. Teilnehmen können Gesundheits- und Krankenpfleger sowie Physiotherapeuten mit mindestens zweijähriger Berufserfahrung. Die Weiterbildung dauert zwei Jahre und besteht aus theoretischem Unterricht sowie Praktika, die in spezialisierten Zentren absolviert werden können. Dabei lernen die Absolventen medizinische Grundlagen aus den Bereichen Lungenheilkunde, Intensivmedizin und Anästhesie. Dazu kommt eine umfangreiche praktische Ausbildung mit den Schwerpunkten Analyse der Lungenfunktion, invasive und nicht-invasive Beatmung, Atemwegs- und Sekretmanagement, Inhalation- und Sauerstofftherapie, Weaning, Physiotherapie und Rehabilitation, Patientenschulung und Raucherentwöhnung. Auch die Überleitung beatmeter Patienten in die häusliche Pflege gehört mit zum Aufgabenspektrum. Neben Alexandra Meck gibt es am Klinikum nur vier weitere Atmungstherapeuten, die alle in der Thoraxklinik arbeiten. Zwei angehende Atmungstherapeuten befinden sich derzeit in der Weiterbildung, sie arbeiten in der Frauen- bzw. der Thoraxklinik. Seit Start in der Thoraxklinik 2012 haben bisher 42 Absolventen die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Den aktuellen Kurs belegen 22 angehende Atmungstherapeuten.

 

>>Im Kurzportrait: Alexandra Meck

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Alexandra Meck hat ihre Ausbildung in der Krankenpflegeschule der Orthopädie absolviert und arbeitet seit 1990 auf der gastroenterologischen Intensivstation des Klinikums. Ihre Weiterbildung zur Atmungstherapeutin machte sie von 2012 bis 2014 in der Thoraxklinik.

Alter: 50 Jahre

1987 bis 1990: Ausbildung an der Krankenpflegeschule der Orthopädischen Klinik in Schlierbach

1990: Station Griesinger (gastroenterologische Intensivstation in der Ludolf-Krehl-Klinik im Altklinikum in Bergheim)

1993 bis 1995: Internistische Intensivweiterbildung (heißt heute Weiterbildung für Anästhesie und Intensivpflege)

1995 bis 2012: Leiterin der stationsinternen Arbeitsgruppen zu Beatmung und Delir

2012 bis 2014: Weiterbildung zur Atmungstherapeutin an der Thoraxklinik Heidelberg

seit 2014: Atmungstherapeutin, Fachkrankenschwester für Intensivpflege, gastroenterologische Intensivstation in der Medizinischen Klinik

 

 

>> Literaturhinweis für Fachpersonal: Pflegewissen Pneumologie

Pflegewissen PneumologieDie medizinische Betreuung von pulmonal erkrankten Menschen ist eine stete pflegerische Herausforderung und oft verbunden mit der Bewältigung von vital einschränkenden Symptomen wie Luftnot, Schmerzen und auch Angst. Gerade das Wissen um die Krankheitsbilder, die dahinter stecken sowie auch der routinierte Umgang mit diesen Symptomen erleichtern die tägliche Versorgung dieser Patienten. Dieses Buch richtet sich daher an Pflegende in der Pneumologie mit dem Ziel, pneumologisches Grund- und auch Spezialwissen zu vermitteln. Die Herausgeber, Gabriele Iberl (Atmungstherapeutin der DGP) und Dr. Mavi Schellenberg (Fachärztin für Pneumologie und Innere Medizin), sind beide langjährig an der Thoraxklinik Heidelberg tätig und haben – neben leitliniengerechter Therapien – auch eigene Erfahrungswerte hierin einfließen lassen. Das Buch ist erhältlich beim Springer Verlag (ISBN 978-3-662-52667-5).

 

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