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Schlaflos auf der Intensivstation

15. Januar 2016
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Schwer kranke, intensivpflichtige Patienten leiden im Krankenhaus zusätzlich noch unter Schlafstörungen. Das muss nicht sein, fand Clemens Heine und widmete dem Thema seine Abschlussarbeit.

Clemens Heine ist ein ausgesprochener Genussschläfer. Wenn der Fachkrankenpfleger für Anästhesie- und Intensivpflege, der auf der interdisziplinären Intensivstation ‚IOPIS‘ in der Chirurgie arbeitet, nicht gerade vom Wecker unsanft aus seinen Träumen gerissen wird, schläft der 30-Jährige auch gerne mal bis in den späten Vormittag. Logisch, dass sich Clemens Heine seit seiner Anfangszeit als Pfleger auf der Intensivstation die Frage stellte, wie Patienten schlafen können, wenn in der Nacht ähnliche Umstände – Licht, Lärm, Arbeit, Stress – herrschen wie am Tag. Und schon war das Thema für seine Abschlussarbeit gefunden, die er für die Fachweiterbildung zum Anästhesie- und Intensivpfleger schreiben musste. Die Arbeit war so gut, dass sie mit dem Intensivpflegepreis 2015 der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste e.V. (DGF) ausgezeichnet wurde. Wir stellen die wesentlichen Inhalte vor.

Was ist Schlaf?

Im Schlaf sind kognitive und motorische Aktivitäten des Menschen vermindert und Reaktionen herabgesetzt. Im Gegensatz zur Narkose kann der Schlafende aber jederzeit aufgeweckt werden. Schlafbedarf und -dauer sind bei jedem unterschiedlich und passen sich an die Lebensgewohnheiten an. Gleich bleibt allerdings die Tatsache, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen mit dem Tag-Nacht-Rhythmus übereinstimmt. Körperliche Veränderungen (Blutdruck, Atmung, Urinausscheidung, Körpertemperatur) während des Schlafes sind normal.

 

„Ich möchte das interdisziplinäre Behandlungsteam für die Problematik der schlechten Schlafqualität von Intensivpatienten sensibilisieren und die Bedingungen für einen erholsamen Schlaf verbessern.“

 

Warum ist Schlaf so wichtig?

Bereits in der Antike erkannte Aristoteles, dass Schlaf der Erholung dient. Heute weiß man, dass ein guter Schlaf aus fünf Stadien besteht, die während einer Nacht mehrmals durchlaufen werden. Besonders das dritte und vierte Stadium, die Tief- bzw. REM-Schlafphase, tragen zu einem qualitativ hochwertigen Schlaf bei. Auch eine Vielzahl aktiver Prozesse, wie z.B. die Bildung von Wachstumshormonen, findet während des Schlafs statt.

 

 

Welche Faktoren beeinflussen den Schlaf von Intensivpatienten?

Patienten auf der Intensivstation sind oftmals beatmet und haben Schmerzen. Hinzu kommt eine unwirtliche Umgebung, die von ungewohntem Lärm und permanentem Licht geprägt ist, so dass der Tag-Nacht-Rhythmus aus dem Tritt gerät. Fehlende körperliche Aktivität und Sorgen um die eigene Gesundheit erschweren einen erholsamen Schlaf. Medikamente – z.B. zur Beruhigung, zur Stärkung von Herz und Kreislauf, Cortison, Antidepressiva, gegen Allergien oder zur Unterdrückung des Immunsystems – können Schlaflosigkeit, verkürzte REM-Phasen und Alpträume auslösen. Viele pflegerische und medizinische Behandlungsmaßnahmen müssen bei Verschlechterung des Gesundheitszustands auch in der Nacht durchgeführt werden, so dass Patienten immer wieder in ihrem Schlafzyklus unterbrochen werden.

Welche Folgen hat das für den Schlaf?

Schlafentzug führt zu Veränderungen im Stoffwechsel und Hormonhaushalt. Verkürzter und fehlender Tiefschlaf hat eine Abnahme der Schmerztoleranz, Schwindel, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Probleme zur Folge. Störungen in der REM-Schlafphase verursachen Probleme bei der Verarbeitung des Krankheitserlebens und beeinträchtigen die kognitiven Fähigkeiten. Eine schlechte Schlafqualität von Intensivpatienten begünstigt ein Delir und seine Folgen (z.B. ein posttraumatisches Belastungssyndrom).

Wie lässt sich der Schlaf von Intensivpatienten positiv beeinflussen?

  • pflegerische und medizinische Interventionen, sofern es sich um Routinetätigkeiten handelt, sollten in der Nacht vermieden werden
  • Schlaf- und Beruhigungsmedikamente sollen nicht das alleinige Mittel zur Behandlung von Schlafstörungen sein, sondern dienen immer nur der Unterstützung
  • Beschäftigung tagsüber (Mobilisation, kognitive Beschäftigung, basale Stimulation) fördert Müdigkeit, Ein- und Durchschlafverhalten
  • an einem guten Schlaf des Intensivpatienten sind alle Mitglieder des interdisziplinären Teams beteiligt (Ärzte, Pflegende, Physiotherapeuten usw.)
  • die Türen zu den Patientenzimmern sollten nachts geschlossen bzw. angelehnt werden
  • Licht im Patientenzimmer reduzieren, z.B. durch abgedunkelte Modi am Beatmungsgerät
  • Lärm reduzieren, z.B. durch Lautstärkereduzierung von Alarmsignalen und Vermeidung von Privatgesprächen am Patientenbett. Sehr viel Lärm macht das Öffnen von Verpackungen, Tätigkeiten wie diese können auch auf den Gang verlagert werden
  • Patienten, die gerade von der künstlichen Beatmung entwöhnt werden (‚Weaning‘), sollte man nachts Erholungsphasen gönnen. Eine druckkontrollierte ist einer druckunterstützenden Beatmung vorzuziehen
  • eine ausführliche Anamnese zu Behandlungsbeginn mit Unterstützung der Angehörigen hilft, persönliche Vorlieben (besondere Schlafgewohnheiten etc.) des Patienten im Vorfeld zu erkennen

Haben wir Ihr Interesse an der Fachweiterbildung ‚Anästhesie & Intensivpflege‘ geweckt? Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Autor: Christian Fick

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